Schriftzug Otto-Modersohn-Museum
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Biographie
die Frühzeit
Worpswede
Fischerhude

Otto Modersohn, 1887

Helene und Otto Modersohn, 1898

Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker

Otto Modersohn und
Paula Modersohn-Becker

Otto Modersohn und Louise Modersohn-Breling

Otto Modersohn und
Louise Modersohn-Breling

Biographie Otto Modersohn
1865 geboren in Soest/Westfalen
1874Umzug der Familie nach Münster
1884Studium an der Kunstakademie Düsseldorf
1887Abkehr vom Akademismus
1888Besuch der intern. III. Glaspalastausstellung, entscheidende Anregungen durch die Franzosen, Daubigny, Millet und Corot, Studium an der Kunstakademie Karlsruhe
1889Im Juli erste Reise mit Fritz Mackensen nach Worpswede, Hans am Ende folgt aus München nach. Modersohn spricht das entscheidende Wort zur Gründung
1893Fritz Overbeck kommt nach Worpswede
1894Heinrich Vogeler, ein Freund Fritz Overbecks schließt sich den Worpswedern an
1895Im Frühjahr erste Ausstellung der Worpsweder in der Kunsthalle Bremen: Im Herbst großer Erfolg im Münchener Glaspalast in der Jahresausstellung von Kunstwerken aller Nationen
1896Entdeckung Fischerhudes mit Fritz Overbeck, erste Begegnung mit Heinrich Breling (1849-1914)
1897Ehe mit Helene Schröder
1898Tochter Elsbeth wird geboren (gest. 1984), Paula Becker kommt nach Worpswede
1899Austritt aus der Künstlervereinigung Worpswede - Freundschaft mit Heinrich Vogeler
1900Paula Becker und Clara Westhoff in Paris, Weltausstellung -Modersohn und Overbecks folgen nach -Tod seiner Frau Helene in Worpswede, Freundschaften mit Carl Hauptmann und Rainer Maria Rilke, die große Zeit auf Heinrich Vogelers Barkenhoff
1901Ehe mit der Malerin Paula Becker
1906Letzte Parisreise Paula Modersohn-Beckers, nach vorübergehender Trennung kommt Modersohn für einige Monate nach Paris
1907Gemeinsame Rückkehr nach Worpswede, Geburt der Tochter Mathilde (gest. 1998), Tod Paula Modersohn-Beckers
1908Übersiedlung nach Fischerhude
1909Ehe mit Louise Breling, Söhne: Ulrich, 1913-1943 und Christian, 1916-2009.
1911setzt sich Otto Modersohn gegen Carl Vinnens Streitschrift "Ein Protest deutscher Künstler" für den Ankauf des "Mohnfeldes" von van Gogh durch die Kunsthalle Bremen als eines der anregendsten Bilder moderner Kunst ein
1922Ausgedehnte Studienreisen in den folgenden Jahren nach Wertheim/Würzburg, Freundschaft mit Ahlers-Hestermann
1925Erster sommerlicher Studienaufenthalt im Allgäu, ebenso 1926, 1927, 1929
1930Erwerb eines Bauernhauses auf dem Gailenberg bei Hindelang im Allgäu, wo er bis 1935 in den Frühjahrs- und Sommermonaten malt, bis ihn eine Netzhautablösung des rechten Auges zur Einstellung der Malaufenthalte im Allgäu zwingt
1935Ehrenmitgliedschaft des Künstlerbundes Bremen
1939Verleihung des Niederdeutschen Malerpreises
1940Verleihung der Goethe-Medaille
1942Verleihung des Professorentitels h.c.
1943gestorben am 10. März nach kurzer Krankheit, sein Sohn Ulrich fällt in Rußland
1948Einrichtung einer Familiengalerie auf dem Gailenberg im Allgäu durch Christian und Anna Modersohn
1974Eröffnung des Otto-Modersohn-Museums in Fischerhude
1981Atelier und Werkstattbau
1986erster Erweiterungsbau
1996zweiter Erweiterungsbau
2012dritter Erweiterungsbau
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Zum Werk Otto Modersohns

Das Werk Otto Modersohns wird in drei Hauptabschnitte unterteilt. Jugend und Akademiezeit sind unter dem Begriff "Frühwerk - Westfalen" zusammengefasst. "Worpswede" setzt mit der Entdeckung dieses Ortes durch Fritz Mackensen und Otto Modersohn im Sommer 1889 ein. "Fischerhude" schließlich beinhaltet die Jahre nach 1908, als der nunmehr 43-Jährige Worpswede verlässt und nach Fischerhude zieht. Diese Zeit schließt auch jene Bilder ein, die während Modersohns Reisen nach Franken in den zwanziger Jahren und seiner Aufenthalte in seinem Haus im Allgäu ab 1930 entstanden. Umfangreich ist der Komplex der Kompositionszeichnungen, die abends am Tisch im schwachen Schein der Petroleumlampe im Zustand höchster Ruhe und Konzentration entstanden. Rainer Maria Rilke nannte diese von ihm hoch geschätzten Zeichnungen "Abendblätter". Für Paula Modersohn-Becker waren sie das "Schönste, Einfältigste, das Zarteste und gewaltigste von Ottos Kunst".

Korndieme bei Soest, 1888

Korndieme bei Soest, 1888

Otto Modersohn, Kirchgang

Kirchgang, 1888

Frühwerk - Westfalen

Neben seinem Studium an der Akademie in Düsseldorf und während seiner Ferienaufenthalte zu Hause in Münster, Soest und Tecklenburg, im Harz und auf der Nordseeinsel Juist in den Jahren 1874 bis 1889 malt Otto Modersohn vorwiegend kleinformatige Studien und Landschaftsbilder: Feldwege und Flüsse führen den Blick in große Weiten. Das Flimmern des Lichts und das Flirren der Luft erfüllen die einfachen alltäglichen Motive. Diese Bilder stehen in der Tradition der französischen Maler des Barbizonkreises und erinnern an Daubigny, Corot, Dupré und Rousseau, an die "Intimen", wie Modersohn diese von ihm verehrten Maler bezeichnete. Er hatte sie erstmals auf der Internationalen Glaspalastausstellung in München 1888 gesehen und notierte damals: "Sie haben diese köstliche Beseelung des Kleinsten und Unscheinbarsten in der Natur".

Die Studien- und Wanderjahre in Westfalen bis zur Gründung der Malerkolonie Worpswede

Otto Modersohn war ein Maler, der sich schon in früher Jugend eingehend und leidenschaftlich mit Erscheinungsformen der Natur beschäftigte, der Insekten und Pflanzen sammelte, geduldig beobachten konnte und ausgesprochen früh stetig und viel zeichnete.

Als er 1884 an die Düsseldorfer Kunstakademie kommt, ist er enttäuscht von dem, was ihm dort an künstlerischer Auffassung entgegentritt. Akademische Glätte und virtuose Könnerschaft stoßen ihn ab – er träumt von anderen künstlerischen Zielen. "Einfachheit" strebt er an, als Haltung, als malerisches Programm und als konkreten Anlaß auf der Suche nach Motiven. Nach einer Reise in den Harz (1886) schreibt er begeistert davon, wie sich ihm die "Reize der schlichten Ebene" erschließen.

Die kleinformatigen Bilder, die er zwischen 1884 und 1889 malt, zählen für Dr. Günter Busch, dem ehemaligen Direktor der Kunsthalle Bremen "zum Schönsten und Besten, was die damalige deutsche Landschaftsmalerei des beginnenden Impressionismus überhaupt zu bieten hatte"

Es sind zumeist Arbeiten aus der Umgebung von Soest und Münster. Sie entstanden während der akademischen Ausbildung in Düsseldorf und Karlsruhe und bezeugen das große Talent des jungen Modersohn. Mit dem, was an den Akademien in Düsseldorf und Karlsruhe gemalt wird, hat seine Arbeit wenig zu tun, und es drängt ihn, sich von all‘ dem loszusagen.

Als Otto Modersohn im Juli 1889 auf einer Reise mit seinem Studienfreund Fritz Mackensen das erste Mal Worpswede erlebt, ist er überwältigt vom starken Natureindruck dieser weiten, offenen und herben Landschaft.

Der gemeinsame Aufenthalt wird immer wieder verlängert. Hans am Ende, der Studienfreund Mackensens kommt aus München dazu, und es reift der Entschluß, fär ganz in Worpswede zu bleiben.

Die Ziele sind klar: Man kehrt den Akademien, den "Kunststädten" und damit allem Modischen und Konventionellen den Rücken, um in der Natur das ersehnte "Echte" zu finden, das Nahe, das Einfache und doch Poetische.

"Nie werde ich mit dem Gedanken auskommen, der ganze künstlerische Geist besteht aus dem Gefühl der Richtigkeit, der Regelrichtigkeit; fertig muß ein Bild sein um jeden Preis, dies halte ich für eine der unkünstlerischsten Forderungen. (Wenn überhaupt das Vollenden und Durchbilden einer Studie nicht von innen heraus, vom Verständnis getrieben geschieht, ist es für mich ganz wertlos.)"
Düsseldorf, 18. Mai 1887

"Lebendigkeit ist mir etwas Herrliches; alles muß lebendig, charakteristisch sein, voll feiner Stimmung. Ich bin Feind alles Trockenen, Langweiligen, Harten, Gequälten ... Wenn man alles klar empfindet, dann kann man es auch malen. Mein Farbengefühl verfeinert sich immer mehr."
Karlsruhe, 29. Januar 1889

"Alles ist bei mir Sache des Gefühls, Empfindens, was bleibt mir noch, wenn ich dies nicht hätte! Alles, vom Anfang bis zum Ende, bilde ich nach meinem Gefühl. Der Maler wird der größere sein, der das freiere, größere Gefühl besitzt. Es wird das Gefühl (und muß es) gestützt und vergrößert werden durch Beobachtung, durch Studien der Natur und anderer Meister. Aber es ist geboren mit dem wahren Künstler."
Karlsruhe, 2. März 1889

"Die meisten Maler sind geistig stumpf, tot. Alles wird so gemütlich hingemalt. Das rechte Feuer, das Leben fehlt. Ein Himmel wird nur dann richtig Himmel, Luft geworden sein, wenn ich die möglichst tiefe Empfindung desselben, das Weite des Tiefen, das Unergründliche etc. in mir wach erhalte."
Karlsruhe, 18. März 1889

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Hammewiesen mit Weyerberg, 1889

Hammewiesen mit Weyerberg, 1889

Die Wolke, 1890

Die Wolke, 1890

Birkengruppe

Birkengruppe, um 1895

sommerlicher_moorgraben

Sommerlicher Moorgraben, um 1904

Worpswede

Über seinen ersten Besuch des niedersächsischen Moordorfes 1889 berichtet Otto Modersohn in seinem Tagebuch: "Mittwoch, 3. Juli 1889 kam ich mit F. Mackensen voller Erwartung hier an. Ich sah fast gleich, dass meine Erwartungen nicht getäuscht waren. Ich fand ein höchst originelles Dorf, das auf mich einen durchaus fremdartigen Eindruck machte; der hügelige sandige Boden im Dorf selbst, die großen bemoosten Strohdächer und nach allen Seiten, soweit man sehen konnte, alles so weit und so groß wie am Meer". Diese weite, herbe Landschaft begeistert den Künstler. Im bewussten Gegensatz zur akademischen Kunst seiner Zeit sucht er nach dem "Natürlichen", dem "Ursprünglichen". Er verlässt die Akademie und siedelt nach Worpswede über . Um 1889/90 stößt Otto Modersohn zu einer eher expressiven Farbsteigerung vor; besonders in den Farbskizzen tritt neben stille Intimität bewegte Dramatik. Die Farben verdichten sich zu Massen, sie sind breit und kraftvoll aufgetragen. Zu den bevorzugten Motiven des Malers gehören die Dünen und Tümpel im Teufelsmoor, die Hammewiesen und der Weyerberg, Baumgruppen am Hang, Birkenstämme und Moorgräben mit Spiegelungen, aber auch Sommerlandschaften mit locker und spielerisch hingetupften Wiesenblumen und Gräsern, mit blühendem Weißdorn und überbordenden Heckenrosen. 1890 notiert der Maler: "Eine Kunst, die über das optische Sehen fast hinausgreift und den Gehalt, die Eigenschaft der Dinge erreichen will, ist mein Ideal. Elementar muss sie wirken, die Gegenstände mit Vehemenz erfassen, Dokumente der Natur errichten".

Fünf Jahre nach Otto Modersohns Beschluss in Worpswede zu bleiben und nicht an die Akademien nach Karlsruhe oder Düsseldorf zurückzukehren, bekamen die "Worpsweder", wie die Maler (Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Hans am Ende, Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler), die sich am Weyerberg zusammengefunden hatten, nun genannt wurden, im Frühjahr 1895 die erste Gelegenheit zu einer gemeinsamen Ausstellung in der Bremer Kunsthalle. Bremer Kunstfreunde erwarben für die Kunsthalle die Bilder "Der Säugling" von Mackensen und "Herbst im Moor" von Otto Modersohn. Beide Bilder sind bis heute fester Bestandteil der Dauerpräsentation im Worpswedesaal der Kunsthalle. Ansonsten war die Reaktion der Presse und des Bremer Kunstpublikums eher verhalten bis kritisch.

Der Präsident der Münchener Künstlergenossenschaft, Freiherr Eugen Ritter von Stieler war auf dem Rückweg von einem Gratulationsbesuch bei Bismarck in Friedrichsruh. Noch hoch gestimmt machte man auf dem Weg nach Paris in Bremen Station, um eine gleichzeitig mit den Worpswedern stattfindende Ausstellung der Münchener Künstlergenossenschaft in der Bremer Kunsthalle zu besuchen. Wohl eher beiläufig entdeckte er dabei auch die Worpsweder, deren Bilder einen starken Eindruck auf ihn machten und lud sie, bzw. Otto Modersohn, der zufällig zugegen war, zur Teilnahme an der Jahresausstellung von Kunstwerken aller Nationen im Münchener Glaspalast ein. Der Beitrag der Worpsweder war dann die Sensation dieser Ausstellung. "Sie waren das Ereignis der Saison. Mackensen und Modersohn vor allem. Modersohn vielleicht noch mehr."

Fritz Mackensen erhielt für sein Bild "Gottesdienst im Freien" die goldene Medaille. Otto Modersohn konnte wiederum ein Bild an ein Museum verkaufen. Die Neue Pinakothek erwarb das Bild "Sturm im Moor". Leider ging es während des Zweiten Weltkriegs verloren. Die Worpsweder waren über Nacht weitgerühmte Künstler und werden in der Folgezeit zu zahlreichen Ausstellungen eingeladen. Otto Modersohn fühlt sich vielleicht zurecht von vielen als das stärkste Talent der Worpsweder erkannt und versucht die besondere Wirkung seiner Bilder zu ergründen:

Eine eigenthümliche, besondere, originelle Anschauung hat mir doch eigentlich 95 den Erfolg gebracht. Schlechtweg naturalistisch waren die Sachen nicht im Sinne der Düsseldorfer, Belgier, Schweden etc. Worin lag das Besondere? Neben großer, koloristischer Gesamtstimmung ging ich möglichst intim auf die Einzelheiten ein. Ein eigenthümlicher Reichthum in Farben, Nuancen und in den Formen. Ich liebte reiche Gegenständlichkeit. In alledem erkannte ich etwas Eigenes. ... Das Geistige, Subjektive ist wunderbar, aber immer und immer aufs Genaueste und Intimste an die Natur halten, nur so bewahrt man sich vorm Fall, vor Leere, vorm Schema und Manier. (Aus: Otto Modersohn, Tagebuch, 6. November 1896)

Auch 1896 sind sie wieder im Münchener Glaspalast vertreten. Otto Modersohn mit 11 Bildern in einem eigenen Saal. Der Schweizer Sammler Oscar Miller erwirbt die Bilder "Herbst im Moor" und "Die Märchenerzählerin". Das Bild "Herbstlandschaft aus dem Teufelsmoor" wird zwei Jahre später vom Schlesischen Museum in Breslau angekauft. Es ist ebenfalls seit Kriegsende verschollen. Der Bremer Senator Marcus kauft das Bild "Sommer am Moorkanal", das als Stiftung 1929 in die Sammlung der Kunsthalle Bremen kam und auch in dieser Ausstellung zu sehen ist.

Im Herbst entdecken Fritz Overbeck und Otto Modersohn auf einer Wanderung das Dorf Fischerhude: "Wir durchwanderten es nach allen Richtungen und waren entzückt von seinem urwüchsigen Charakter. Überall Strohdachhäuser und Ställe, überall mächtige Eichen. An der Wümme, an der alten Wassermühle wurde es immer interessanter, so daß Overbeck meinte, wir hätten uns mit Worpswede geirrt, Fischerhude überträfe es noch an malerischen Reizen. Wir zeichneten, bis unsere Skizzenbücher voll waren - an Weiterwandern, wie wir es anfänglich beabsichtigt hatten, war an dem Tag nicht zu denken." (Otto Modersohn, Erinnerungen an die Entdeckung Fischerhudes.)

In Fischerhude besuchen Overbeck und Modersohn auch den Schlachten- und Genremaler Heinrich Breling.

Der Ausstellungsreigen reißt auch 1897 nicht ab. Die Worpsweder stellen fast schon traditionell im Februar wieder in der Kunsthalle Bremen und anschließend in Oldenburg aus. Im Juli beteiligen sie sich an der "Internationalen Kunstausstellung in Dresden", aus der Otto Modersohn das Bild "Das alte Haus" an die Königliche Gemäldegalerie in Dresden verkaufen kann. In der fast gleichzeitig stattfindenden Ausstellung im Münchener Glaspalast ist Otto Modersohn nur mit einem Bild vertreten. Es ist das Bild "Mondaufgang im Moor", das sich seither in den Kunstsammlungen zu Weimar befindet.

Im Juli 1897 besucht Paula Becker die Künstlerkolonie Worpswede und versucht eine Charakterisierung ihrer Mitglieder: "Ich habe ihn nur einmal gesehen und da auch leider wenig gesehen und gar nicht gefühlt. Ich habe nur in der Erinnerung etwas Langes in braunem Anzuge mit rötlichem Bart. Er hatte so etwas Weiches, Sympathisches in den Augen. Seine Landschaften, die ich auf den Ausstellungen sah, hatten tiefe, tiefe Stimmungen in sich. Heiße brütende Herbstsonne oder geheimnisvoll süßer Abend.
Ich möchte ihn kennenlernen, diesen Modersohn."

(Aus: Paula Becker, Tagebuch, 24. Juli 1897)

Zwei Jahre nach dem großen Ausstellungserfolg der Worpsweder in München, im Sommer 1897, benennt sich der "Künstler-Verein Worpswede" in die "Künstlervereinigung Worpswede" um. Der Verein soll einerseits der zunehmenden Entfremdung der einzelnen Gruppenmitglieder untereinander entgegen wirken und andererseits helfen, die zahlreichen gemeinsamen Ausstellungen besser zu organisieren. Geschäftsführer wird Hans am Ende. Aber trotz der Vereinsgründung wachsen die seit dem "Durchbruch" 1895 schwelenden Spannungen innerhalb der Worpsweder Künstlergemeinschaft.

Die zahlreichen Bildverkäufe ermöglichen Otto Modersohn den Ankauf eines eigenen Hauses in der Hembergstraße. Im September 1897 heiraten Otto Modersohn und Helene Schröder. Am 6. August 1898 wird die Tochter Elsbeth geboren. Der Gesundheitszustand Helene Schröders verschlechtert sich. Seit 1893 ist sie an Tuberkulose erkrankt. Paula Becker wird Malschülerin von Mackensen.

Vom 26. Mai bis zum 27. Juli besucht der schlesische Dramatiker Carl Hauptmann und ältere Bruder Gerhart Hauptmanns, Worpswede. Zu Otto Modersohn entwickelt sich ein freundschaftliches Verhältnis.

Im Juli 1899 erklärt Otto Modersohn seinen Austritt aus der Künstlervereinigung. Ich verkenne durchaus nicht, daß unsere Vereinigung uns zu unserer Einführung die größten Dienste geleistet hat, aber sie fängt ernstlich an, durch alle mit ihr verbundenen Pflichten gegen Welt und Ausstellungen und besonders auch gegeneinander, uns über den Kopf zu wachsen. Sie bedroht unsere Ruhe, die man zum künstlerischen Schaffen in erster Linie braucht. Hiergegen gibt es nur ein Radikalmittel: Die Auflösung der Vereinigung. (Otto Modersohn, Rundbrief an die Freunde vom 25. Juli 1899)

Fritz Mackensen und Hans am Ende sind über den Austritt Otto Modersohns entsetzt. Heinrich Vogeler und Fritz Overbeck zeigen Verständnis für Otto Modersohns Entschluss und schließen sich seinem Austritt an. Ein neues Kapitel Worpswedes steht bevor.

1900-1907 - die gemeinsame Zeit mit Paula Modersohn-Becker

1898 sind sich Paula Becker und Otto Modersohn zum ersten Male in Worpswede begegnet. 1900 stirbt in Worpswede Otto Modersohns erste Frau Helene während seiner Reise nach Paris zur Weltausstellung, die er auf Paula Beckers drängendes Bitten zusammen mit Overbecks besucht hatte.
Aus der Begegnung mit Paula Becker entspinnt sich in der folgenden Zeit eine tiefe menschliche Zuneigung, die im intensiven schöpferischen Austausch der beiden Künstler ihren Ausdruck findet. Freilich gab es in der Verbindung zweier so starker und eigenwilliger Künstlernaturen auch Spannungen. So suchte Paula Modersohn mehrfach in Paris künstlerische Anregungen, die ihr Worpswede in dieser Vielfalt nicht bieten konnte. Welche Anregungen Paula Modersohn-Becker in den fruchtbaren Jahren ihres kurzen Lebens aufgenommen und in ihrem Schaffen für sich umgeformt hat, wird durch ihre Tagebuchaufzeichnungen und Briefe oder durch die Aussagen ihrer Freunde belegt. Diese Zeugnisse verdeutlichen, dass ihr Otto Modersohn lange, und zuletzt wieder, menschlich weitaus am nächsten stand und selbst in der für ihn schweren Zeit der vorübergehenden Trennung der Einzige war, der ihre eminente Begabung förderte. Ausgehend von dem gemeinsamen Erlebnis der Entdeckung der Landschaft Worpswedes und der in ihr lebenden Menschen, strebten beide - in der Abneigung gegen Konvention, Pathos und Veräußerlichung - Einfachheit an, als malerisches Programm und als menschliche Haltung. Die zunächst von Otto Modersohn allein, dann gemeinsam mit seiner Frau erarbeitete Maxime "Das Ding an sich in Stimmung" wurde schließlich zu einem von beiden oft gebrauchten Schlüsselbegriff für eine neue Gegenständlichkeitsauffassung. Aber erst die gründliche Kenntnis der tiefen Zusammenhänge und Hintergründe dieser künstlerischen Wechselbeziehung erlaubt eine echte Einschätzung der hieraus später erwachsenen selbständigen Verdienste. Als Paula Modersohn-Becker 1907 im Alter von 31 Jahren starb, hatten ihre Bilder nur wenige gesehen, da zunächst unverstanden, auch von den Freunden und Kollegen in Worpswede. Nur ihrem Mann waren Paula Beckers - der damaligen Zeit vorauseilenden - künstlerische Vorstellungen vertraut.
Er empfand den Gegensatz ihrer künstlerischen Anschauungen als dankbare Ergänzung und gegenseitige Anregung. Die Tragik des frühen Todes seiner zweiten Frau veranlasste Otto Modersohn von Worpswede in das benachbarte Fischerhude überzusiedeln. Als er 1908, 43jährig, nach Fischerhude kam, war er auch durch den anregenden, wechselseitigen künstlerischen Austausch mit einer der wichtigsten europäischen Künstlerinnen für einen Neuanfang in besonderer Weise vorgeprägt.

Lampionfahrt, 1911

Lampionfahrt auf der Wümme, 1911

Bauerngarten mit Insel, 1911

Bauerngarten mit Insel, 1911

Fischerhude

Die mit dem Tod seiner zweiten Frau Paula Modersohn-Becker verbundene Trennung von Worpswede und sein Umzug nach Fischerhude schließlich bringen eine erneute und verstärkte Konzentration des Künstlers auf sich selbst. Veränderungen seines Stils werden deutlich. Die einzelnen Bildelemente wirken lapidarer, sind schroffer angelegt. Die Farbskala der Gemälde weist oft auch strenge, dunkle Töne auf; anstelle klarer Flächenfarbe tritt entmaterialisierte Transparenz. Vor allem die Atmosphäre der Fischerhuder Wintertage regt den Maler wiederholt an. Er liebt das "Nebelige", das "Verschwimmende", sucht die gebrochene Helligkeit und findet am Ufer der Wümme mit den dicht stehenden Bäumen jenes gleichmäßig-verhaltene, blau-graue Licht wieder, das sich mit der für ihn so wichtigen Vorstellung des "Intimen" verbindet. In Modersohns späten Fischerhuder Bildern wird die Stimmung durch stimmungsträchtige SymboIe ausgedrückt: kahles Geäst, Friedhof, Herbst, winterliche Schneelandschaften. Der Umfang dessen, was der Maler, seit 1935 auf dem rechten Auge blind, sehen kann und will, reduziert sich immer mehr.

Die Woche in Fischerhude war herrlich, schreibt Otto Modersohn am Abend des 10. August 1906 aus Worpswede an Paula Modersohn-Becker nach Paris. Das Dorf wirkte märchenhaft auf mich. Das Wasser bringt so viel Leben hinein... Ich habe auch einiges gemalt, darunter ein Bild 'Die Wümme unter Bäumen' ist vielleicht das Farbigste was ich bisher gemalt.
Zu diesem Zeitpunkt kann Modersohn nicht ahnen, dass hier sehr bald schon ein neuer Abschnitt persönlicher und künstlerischer Entwicklung für ihn beginnen soll. Als Paula Modersohn-Becker 1907, 31-jährig, nach der Geburt der gemeinsamen Tochter Mathilde stirbt, verlässt Otto Modersohn Worpswede und siedelt nach Fischerhude über.

Seinen ersten Ausflug in das nur wenige Kilometer von Worpswede entfernte Dorf Fischerhude hatte Otto Modersohn 1896 mit seinem Freund Fritz Overbeck gemacht. Einige Jahre später besuchte er es mehrfach zusammen mit seiner Frau Paula. Als diese im Ehekrisenjahr 1906 nach Paris reiste, entschlossen, sich von ihrem Mann zu trennen, suchte der Maler wiederum die Weltabgeschiedenheit des Dorfes in der Wümmeniederung auf, um dort Ablenkung und künstlerische Anregung zu finden. Mit den in Fischerhude entstehenden Studien des Sommers 1908 führt Otto Modersohn seine in Worpswede entwickelte Malerei vor der Natur fort. "Alles ist feste Klarheit, Bestimmtheit, eine freie Heiterkeit und Farbenluft, leuchtende Kontraste und einfache Wahrheit. Ein Sommertag glüht auf, mit allen Lichtern und Schatten, die seine Helligkeit erzeugt, mit aller gesunden Fruchtbarkeit, die uns entgegenduftet", wie ein ungenannter Kunstkritiker Otto Modersohns Studien dieser Zeit in der 1910, in dritter Auflage erschienenen "Worpswede"-Monographie beschrieb.

Die Beschäftigung mit der neuen französischen Kunst dieser Jahre brachte ihm neue Einsichten für sein Werk, die er nun in Fischerhude umsetzte. Zweifellos war die besondere Situation Fischerhudes - die Wasserläufe, die den Ort durchziehen und mit ihren Spiegelungen von Häusern, Bäumen und Wiesen den Charakter des Dorfes bestimmen - das auslösende Moment für den Wandel seiner Kunst. Ein Gemälde wie"Bauerngarten mit Insel" zeigt dies in exemplarischer Weise. Die breit gesetzten Pinselzüge, die auch als eigener Wert die Bildstruktur prägen, erinnern an den Farbauftrag van Goghs.

Dass dies 1911 seinen Niederschlag fand, wird verständlich - im selben Jahr hatte Otto Modersohn als einziger "Worpsweder" leidenschaftlich für den Ankauf des Bildes "Mohnfeld" von Vincent van Gogh als eines der anregendsten Bilder moderner Kunst durch die Kunsthalle Bremen Partei genommen und sich im entstehenden Streit entschieden für die Kunst und gegen ein falsch verstandenes Nationalgefühl geäußert:

Die Nationalität spielt bei der Kunst überhaupt keine Rolle, es kommt lediglich auf die Qualität … an … Wenn sich die Kunst bei uns in den letzten Jahren gehoben hat, so verdanken wir das in erster Linie der bei uns immer bekannter gewordenen guten französischen Kunst…Die Bodenständigkeit unserer Kunst wird, soweit sie echt ist, dadurch nicht leiden.
(Im Kampf um die Kunst, 1911)

Nach dem Tod seiner Frau Paula Modersohn-Becker und der Sichtung Ihres umfangreichen Nachlasses, die Otto Modersohn zusammen mit Heinrich Vogeler vornimmt, wächst das Interesse an deren Kunst. Rudolf Alexander Schröder, Georg Biermann, Rainer Maria Rilke, Clara Rilke-Westhoff und Bernhard Hoetger sind ganz erschüttert und ergriffen von der Fülle und Qualität der Bilder, die von ihnen in den Jahren zuvor kaum wahrgenommen wurden.

1908 werden die Werke erstmals in Worpswede bei Franz und Philine Vogeler im Kunst- und Kunstgewerbehaus gezeigt. Es folgt im Dezember eine in Bremen umstrittene Präsentation von 47 Bildern in der Kunsthalle, für die sich auch sein Freund Fritz Overbeck gegenüber dem Direktor Gustav Pauli nachdrücklich eingesetzt hatte und im Mai 1909 kommt es zu einer Ausstellung in der Galerie Cassirer in Berlin, die ihre 44 wichtigsten Bilder neben den bedeutendsten Malern Frankreichs zeigte. Erstmals hielt sie dem Vergleich mit van Gogh, Renoir, Manet und Monet stand. 1913 folgte dann noch eine Ausstellung in Hagen bei Karl-Ernst Osthaus, der aus der Ausstellung das Selbstbildnis mit Kamelienzweig erwarb.

Das Jahr 1909 bringt für Otto Modersohn eine erneute Lebenswende. Am 14. April heiratet er Louise Breling (1883-1950), die zweitälteste Tochter des nun auch in Fischerhude ansässigen ehemaligen Königlichen Professors der Münchener Akademie und Malers am Hofe Ludwigs des II. Heinrich Breling (1849-1914) war in Fischerhude aufgewachsen und hatte sich, nachdem er seit 1895 lediglich in den Sommermonaten Fischerhude aufgesucht hatte, 1908 in der Bredenau ein Haus gebaut. Otto Modersohn war zum Richtfest eingeladen und lernte bei dieser Gelegenheit seine spätere Frau kennen.

Nach der Hochzeit bewohnten Otto und Louise Modersohn nicht das seit Monaten verwaiste Worpsweder Wohnhaus sondern bleiben in Fischerhude. Sie ziehen mit seiner Tochter Elsbeth aus erster Ehe, in ein Bauernhaus Im Pool. 1911 holte das Ehepaar auch die Tochter Mathilde, aus der Ehe mit Paula Modersohn-Becker, zu sich. Mathilde war von seiner Schwägerin Milly Rohland-Becker in Basel zusammen mit der eigenen, fast gleich alten Tochter aufgezogen worden.
1913 wurde Ulrich Modersohn (1913-1943), der erste von zwei Söhnen, geboren.

Anders als seine Worpsweder Malerkollegen Hans am Ende, Fritz Mackensen und Heinrich Vogeler, meldet sich Otto Modersohn 1914 bei Kriegsanbruch nicht als Freiwilliger. Seine Kurzsichtigkeit hatte ihn schon früher vom Wehrdienst befreit. Im Kriegsherbst 1915 zog die Familie Modersohn zurück in das Worpsweder Wohnhaus, da man Not litt und die Miete sparen wollte.

Neben der Organisation von Ausstellungen Paula Modersohn-Beckers, findet Otto Modersohn immer wieder zur Auseinandersetzung mit der eigenen Kunst. Seine künstlerische Zielsetzung dieser Zeit fasst er 1910 in seinem "Künstlerischen Bekenntnis" zusammen (Auszug): Man muß die Natur abkürzen, durch Vereinfachung wird man stark. Je schneller der Blick alles umspannt, desto besser; man muß nur das Wesentliche, gewissermaßen den Extrakt geben. Ein Bild muß eine Einheit sein; ... Dem Großen und Einfachen muß sich das Reiche, Bewegte gesellen.

Dorfstraße im Fruehling, 1922

Dorfstraße im Frühling, 1922

Sommerhochwasser im alten Dorf, 1924

Sommerhochwasser im alten Dorf, 1924

Die Eingliederung des Einzelnen in das Ganze ist das Wesen der Cézannschen Synthese

Im Herbst 1915, der Erste Weltkrieg tobt gerade ein Jahr inmitten Europas, entschließt sich Otto Modersohn zusammen mit seiner Familie in sein Worpsweder Haus zurück zu kehren, das er im Frühjahr 1908 verlassen hatte. Mehr der Not geschuldet, als der Erkenntnis, dass es sich in dem mit zwei tragischen Verlusten behafteten Haus (seine erste Frau Helene Schröder und seine zweite Frau Paula Modersohn-Becker starben dort) besser leben ließe als in Fischerhude, wo er 1908 seinem Leben eine entscheidende Wende geben wollte.

Modersohn konnte in den Kriegsjahren kaum von den Verkäufen seiner Bilder leben. Seit den Wintermonaten 1915/16 entstehen bis zum Herbst 1918 ausschließlich kleinformatige Bilder auf Holztafeln, wie sie bei Tischlern als Abfallholz für wenig Geld zu bekommen sind. Daneben gibt es aber auch facettierte Mahagonitafeln, die wohl in größerer Anzahl aus besseren Zeiten noch vorrätig waren. Ausgelöst wurde diese Beschränkung auf das kleine Format durch einen Besuch Emil Waldmanns, der sich für Otto Modersohns kleine Bildstudien des Münsteraner Frühwerks begeisterte, die er dann im Winter 1916 in der Kunsthalle Bremen ausstellte und der eigenen Erkenntnis, dass diese Bilder in ihrer intimen Durchbildung etwas ganz Eigenes und Seltenes seien.

"Ein tiefes Naturgefühl, nicht vermengt mit irgend einer Beimischung moderner oder archaischer Setzung, dabei tieffarbig … und voller Koloristik spricht aus diesen Bildern … Dem Format entsprechend ist die Technik sehr glücklich gewählt; sie hat nicht das Materielle der Ölfarbe, und in der Art, wie die Einzelheiten nur leicht angedeutet sind, um Wesentliches dann schärfer zu betonen, finde ich eine gesteigerte Meisterschaft der Bildökonomie"
schrieb Carl Vinnen an Otto Modersohn, nachdem er dessen kleine Tafeln im Juli 1917 in Bremen gesehen hatte.

Im Mai 1917 zog es Otto Modersohn zurück nach Fischerhude. Im Ortsteil Wilhelmshausen richtete sich die Familie eine Atelierwohnung im Hause des Tischlers Freese ein, ganz in der Nähe des Nordarms der Wümme.

In der folgenden Zeit wandelt sich seine Malerei hin zu flächigen, ganz transparent aufgebauten Bildräumen, die seinen Bildern den Eindruck von farbigen Geweben verleihen. Auch zeigt sich in diesen Arbeiten eine beziehungsreich ausgewogene Ordnung der Kompositionselemente, die Otto Modersohns intensives Studium Cézannscher Bilder spiegelt. Auch die Bilder des deutschen Expressionismus blieben nicht ohne Wirkung. In ganz eigener Weise versuchte er eine Anverwandlung dieser Einflüsse. Das Stoffliche tritt zurück, zugunsten des formal Gemeinsamen in der Natur.

"Ich will die Naturformen zu Trägern meiner Ideen machen … das Stoffliche muß man ganz überwinden, alle Dinge müssen etwas Gemeinsames haben, wie ein Gewebe … trotz der Tiefenwirkung den Flächencharakter betonen - im Gegensatz zum Naturalismus."
Otto Modersohn, Tagebuch, 10. Mai 1921

Die 20ger Jahre waren von intensiven gemeinsamen Studienreisen mit seiner dritten Frau Louise Modersohn-Breling (1883-1950) nach Wertheim und Würzburg geprägt. Einen tiefen Eindruck machte schon 1916 der Besuch der fränkischen Stadt Wertheim, an Main und Tauber gelegen, auf das Künstlerpaar Modersohn.

"Auf dieser Reise habe ich eine sehr wichtige Erfahrung gemacht. Einfachheit, Vereinfachung ist das Wichtigste, nicht bloß in der Form, sondern noch mehr in der Farbe. Ein Akkord, eine Harmonie muß das Bild darstellen. … Innerhalb des Akkordes dann reich in den Nuancen. Alles kommt darauf an, daß ein Bild "stark" ist. Paula redete immer davon und diese Vereinfachung, Zusammenfassung in Form und Farbe, ist das Hauptmittel ein Bild stark zu machen. Und darin sind fast alle Zeiten, alle große Meister verwandt. … Bei Stilleben nur nicht zuviel und bunte Gegenstände, die nur die Bildwirkung absprächen und zerreißen und sich gegenseitig stören. Ein Klang, nicht soundsoviele. … Alles überflüssige - raus."
Otto Modersohn, Tagebuch, 10. September 1923

"Erster Grundsatz muß sein: einfach, diskret, verhalten, ohne Effekt, ohne Kontraste, ohne besonderen Aufwand. In Münster war ich so schlicht und intim, das bildet den künstlerischen Reiz dieser Sachen.

… Ein Bild muß gute Malerei sein. Ich liebe vor allem sichtbaren Ton und Strich, darum werde ich auf nichtsaugendem Grunde malen mit Malmittel, Grund benutzend, Grund leicht getönt und besonders bei hellen Bildern weiß. … Oft malt sich's gut auf alten Bildern; die Farben haben oft einen eigenen Reiz darauf. … Mittel stehen lassen; je mehr man die Mittel zeigt und sieht, desto besser. Man nimmt dann an dem geistigen Vorgang teil."
Otto Modersohn, Tagebuch, 30. September 1923


Freiheit und Intimität sind die beiden Hauptziele meiner Kunst, beide müssen zusammenwirken, wenn diese reif und echt sein soll. Freiheit ist von höchster Wichtigkeit.
Man muß seinem Stoff ganz frei gegenüberstehen … Kunst ist eine Neuschöpfung an Hand oder auf Grund der Natur. Darin liegt gerade die Freude beim Schaffen. Ein Bild wird viel besser, das diesen freien Atem hat. Man muß seine Phantasie mit der Natur komponieren. Man muß die Natur nach seinen Vorstellungen umgestalten. Nicht der ist ein großer Maler, der die Natur getreulich wiedergibt, sondern der, der die Natur mit seiner Phantasie erfüllt und diese neu entstehen lässt, wie seine Phantasie sie erschaut.

Otto Modersohn, Tagebuch, 17. August 1924

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Sommerliche Wümme, 1930

Im Schlichten das Große und Künstlerische sehen

Die Jahre 1926 bis 1932 sind für Otto Modersohn und seine Frau mit einschneidenden Veränderungen verbunden. Wie schon 1925, reist das Ehepaar auch 1926 und 1927 nach Würzburg, auf das Hofgut ‚Neue Welt' zur Malerfreundin Gertraud Rostosky, und daran anschließend in das Allgäu nach Unterjoch, Oberjoch, Fischen und Tiefenbach.

Otto Modersohn, der sich in Franken, namentlich in Wertheim, Iphofen und Sulzfeld so wohl fühlte, dass er sich dort einen zeitweiligen Sommerwohnsitz vorstellen konnte, findet im Allgäu keine Bindung, weder menschlich noch künstlerisch. Die Bergwelt erschließt sich ihm nicht in der Weise, wie zuvor die sanfte fränkische Mainlandschaft.

Aber auch menschlich bleibt ihm die etwas derb-rustikale Wesensart der bayerischen Bergbewohner zunächst fremd. Anders geht es seiner Frau Louise Modersohn-Breling, mit der er seit 1909 in dritter Ehe verheiratet ist. Sie fühlt sich dort schnell heimisch, sucht Kontakt zu den Menschen und unternimmt mit ihnen ausgedehnte Bergwanderungen. Louise Modersohn-Breling, 1883 in München als zweite Tochter des Malers am Hofe Ludwigs II., Heinrich Breling (1849-1914) geboren, zieht es zurück nach Bayern.

Die wachsende Verehrung für die früh verstorbene zweite Ehefrau Otto Modersohns, Paula Modersohn-Becker, wirft immer größere Schatten auf Louise Modersohns Leben. Ihre Rolle als dritte Ehefrau, als Stiefmutter, zweifache Mutter und Künstlerin, der man öffentlich vorwirft, sie wolle am Ruhm ihrer Vorgängerin partizipieren, ist außerordentlich problematisch. Es verwundert nicht, dass sie zunehmend nach Möglichkeiten sucht, dem komplizierten familiären Umfeld zu entfliehen.

So dehnt sie ab 1927 die gemeinsame Studienreise ins Allgäu immer mehr aus und lässt ihren Mann allein nach Fischerhude zurückreisen, bevor sie sich, Wochen später, zur Heimkehr entschließt. Das Allgäu wird für sie immer stärker zu einem wichtigen Ort und Bezugspunkt, an dem sie sich frei und eigenständig fühlen und künstlerisch arbeiten kann. Louise Modersohn träumt von einem Haus im Süden Deutschlands. Sie würde gerne an den Bodensee ziehen oder auch ins Allgäu und bedrängt Otto Modersohn inständig, ihr in diesem Wunsch zu folgen

Otto Modersohns Malerei zeigt in den Jahren 1926-1928 nuancierte stilistische Wandlungen. Er erprobt verschiedene Malgründe, experimentiert mit saugenden und nichtsaugenden Malträgern, Tempera- und Ölfarbe, mit dünnem und pastosem Farbauftrag. Transparente, licht gehaltene Bildräume wechseln mit gedeckten, ganz verdichteten.

Seine bevorzugten Motive in Fischerhude bleiben die überschwemmten Wümmewiesen mit der Spiegelung des hohen Himmels, das Wümmeufer mit seinen urtypischen Entenhäusern, Stegen und Schleusen, die Surheide mit ihrem Gehölz und die Moorlandschaft mit den diagonal gesetzten Gräben, Moorkaten und Birkenstämmen. Hinzu kommen Wiederholungen seiner großen Moorbilder, die er zumeist im Auftrag des Kunsthandels malte.

Seiner Frau berichtet Otto Modersohn ins Allgäu - wo sie sich seit 1928 auf die Suche nach einer eigenen Bleibe für ihre Familie gemacht hatte - von seinen Aufträgen, Verkäufen, Ausstellungsbeteiligungen und Besuchen seiner Kunsthändler, die ihn vor einem Wohnortwechsel warnen. Er beschwört seine Frau eindringlich nach Fischerhude zurückzukehren. Er befürchtet, dass ein Umzug in den Süden die finanzielle Existenz der Familie ernstlich gefährden könne. 1929 gibt Otto Modersohn dem Drängen seiner Frau nach und freundet sich zunehmend mit dem Gedanken an einen Zweitwohnsitz an.

Ein Jahr später erwirbt er ein altes Bauernhaus auf dem Gailenberg bei Hindelang im Allgäu, wo er bis 1935 die Frühjahrs- und Sommermonate verbringen und malen wird. In diesen glücklichen Monaten ist die Familie wieder vereint. Man malt gemeinsam in den Bergen, die nun auch für Otto Modersohn zu einer neuen Quelle der Inspiration werden.

Otto Modersohn schreibt am 29. Oktober 1930 nach seiner Rückkehr in einem Familienrundbrief: "Ich habe einige sehr schöne Monate auf unserem Besitztum im Allgäu verlebt. Nur zu schnell verging die Zeit. Erst hatten wir viel Regen und die Berge erglänzten im Schnee, dann kamen herrliche Wochen, in denen ich viel arbeiten konnte. Die großartige Bergwelt mit ihrem magischen Farbenzauber hat einen großen Eindruck auf mich gemacht. Die neuen Stoffe haben sehr erfrischend und verjüngend auf mich gewirkt."

Durch die mehrmonatigen Aufenthalte im Allgäu reduziert sich das in Fischerhude entstandene Werk jahreszeitlich auf die Frühjahrs- und Wintermonate. Sein großer Erfahrungsreichtum eröffnet ihm zunehmend eine malerische Umsetzung seiner Skizzen und Kompositionen aus der Vorstellung. Otto Modersohn nähert sich in dieser Zeit seinem häufig geäußerten Ideal an, seine Bilder wie seine Kompositionen entstehen zu lassen, ganz der Intuition hingegeben, verdichtete Vorstellungsbilder aus dem überreichen Fundus seiner Bilderfindung zu schöpfen.

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Überschwemmung, 1932

Überschwemmung mit Mond, 1935

Überschwemmung mit Mond, 1935

Man reduziert auf das Wesentliche …

Kennzeichnend für die Gemälde aus dem letzten Lebensjahrzehnt Otto Modersohns ist das Ungefähre, Dämmerige, Schummrige und Verträumte. Die Landschaftsmotive seiner Bilder sind stark von Empfindung erfüllt. Er vertrat die Überzeugung, dass die Wiedergabe der bloßen Naturbeobachtung im Bilde noch kein Kunstwerk ausmacht: „Zu einer echten Kunst gehört zweierlei“, schreibt er: „Intimes Naturgefühl, Naturverständnis, Naturbeobachtung und gleichzeitig: freie persönliche Auffassung, Phantasie.“

Die Natur bildete für Otto Modersohn die „Grammatik“, die er zeichnend und skizzierend unermüdlich studierte. Ebenso gern bediente er sich aber auch dieser Grammatik in der freien Kompositionszeichnung, die das Geschaute auf seine Grundelemente reduzierte. „Man reduziert auf das Wesentliche, schafft aus dem Innern, vermeidet das Realistisch-naturalistische.“ Das heißt: „beim Malen nicht nur die Natur anstreben wollen, aus dem Innern gestalten, bereichern.“ Otto Modersohns späte Bilder zeigen überwiegend die spätherbstliche oder winterlich verschneite Wümmelandschaft in abendlicher Dämmerung. Die Himmel sind fast immer wolkenverhangen. Eine heimelige Düsternis liegt über den eingeschneiten Dorfstraßen, den Häusern und über dem Friedhof im Abendlicht. Nur selten erscheint seine Palette aufgehellt, wie in dem Bild „Winterabend“ von 1938.

Seine Stärke lag gerade in seiner Beständigkeit wie in der unerschütterlichen Grundüberzeugung seines Schaffens. Das gewaltige zeichnerische Werk, das nie eine Spur von Erschöpfung und Ermüdung erkennen lässt, bezeugt seine künstlerische Verlässlichkeit. (G.H.)

Otto Modersohn war eine eigene Persönlichkeit. Er ist durch ein langes und unendlich fruchtbares Künstlerleben hindurch seinem Gesetz treu geblieben. Bescheidenheit im formalen Anspruch, Demut vor der Natur und die Fähigkeit, ihrem leisen Atem zu lauschen – das sind Eigenschaften, die er sich von seinen frühesten Studien im Skizzenbuch oder auf der Malpappe an bis an sein Ende erhalten hat. Diese Eigenschaften sind vereint mit einer nie erlahmenden Neugier gegenüber den Geheimnissen, die sich dem schauenden Auge in der ihn umgebenden Natur boten. (G.B.)

Meine Kunst beschäftigt mich ja sehr, und sie füllt meine Tage aus, aber es bleibt ein Gefühl der Vereinsamung in mir, wie könnte es anders sein, das mich oft niederdrückt. Wir haben wieder leisen Frost und Rauhreif, die Landschaft sieht herrlich aus, die Wiesen sind weit überschwemmt und alles läuft Schlittschuh – Ich habe einen künstlerisch fruchtbaren, erfolgreichen Winter hier erlebt. Fischerhude ist mir von neuem lieb geworden dadurch. Ich bin jetzt ganz wissend geworden.
Otto Modersohn Tagebuch, Fischerhude 1934

Mir liegt vor allem nur das Geahnte, Angedeutete, darum liegen mir vor allem Dämmerungen, Mondschein etc. Das war der Reiz vieler Kompositionen, das ist meine persönliche Art. Darum liebe ich auch mehr graue, neblige Tage als Sonnenschein.
Otto Modersohn Tagebuch, 1. Mai 1935

Schlicht und dabei nuancenreich, nicht aufdringlich. So sind in der Tat die besten Maler. Die Alten, Rembrandt, wie sparsam in der Farbe, nie bunt. So dachte ich damals in der Kasseler Galerie: … die Franzosen malten ein Bild aus zwei Farben (Derain, Corot, Utrillo, Renoir, Cézanne etc.) … Es wird immer mehr mein Ziel.
Otto Modersohn Tagebuch, 1. Mai 1935

Konzeption – alles im Bilde muß in Beziehung zueinander stehen. Naturwahrheit allein ist nichts in der Kunst. Form und Farbe müssen Reiz haben und persönlich sein. Sehr oft werde ich nach Zeichnungen malen. … Der Winter in Fischerhude ist mir lieber als der Sommer. Warum? Ich liebe das Neblige, Verschwimmende…
Otto Modersohn Tagebuch, Fischerhude, 5. Mai 1935

Eine ausführliche Beschreibung der künstlerischen, persönlichen, familiären und politischen Ereignisse in Otto Modersohns Leben der Jahre 1933 bis 1943 finden Sie als Textauszug der Biographie 'Otto Modersohn – Leben und Werk' von Marina Bohlmann-Modersohn hier.


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